Gambeson unter dem Kettenhemd, ja oder nein?

 

Wer kennt sie nicht, die stolzen Ritter, Ministerialen, Ordensritter und andere Kämpfer auf Veranstaltungen. Tolles Kettenhemd, bei der Kettenhaube wurde sogar darauf geachtet ob sie (je nach Epoche) ein Einzelteil ist oder Teil des Kettenhemdes ist. Gutes Schwert, passender Helm, sogar die Schuhe sind passend und je nach Darstellungszeit wurde sogar darauf geachtet ob es schon einen Wappenrock gab oder nicht. Und auch die anderen Dinge der Ausrüstung passen gut zusammen. Schauen wirklich gut aus, die wackeren Recken. Scheint wirklich gut recherchiert. Aber Moment, fehlt da nicht etwas? Trägt der sein Kettenhemd wirklich direkt über der Tunika? Hat der da keinen Gambeson drunter an. Und schon gehen sie los die Spötteleien. So nach dem Motto „da hat er sich solche Mühe gegeben und hat dann doch eines der wichtigsten Teile eines Kämpfers mit Kettenhemd vergessen. Nämlich den Gambeson. Ja schade leider doch kurz vor dem Ziel verrissen“. Das unter ein Kettenhemd immer ein guter, gepolsterter Gambi gehört weiß doch nun jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Aber ist das wirklich so?

 

Lange existierte die fast einhellige Meinung, dass unter einem Kettenhemd immer ein Gambeson getragen worden wäre. Nun, bis nicht vor allzu langer Zeit war ich auch dieser Meinung. Kettenhemd ohne Gambi ist wie gegrillte Gambas ohne Aioli. Da fehlt einfach was. Wirklich? Bei den Gambas bleibe ich dabei, bei den Gambis hat sich meine Meinung geändert. Vorab, alles was ich nun schreibe bezieht sich auf das Hochmittelalter bis spätestens Ende des 13. Jahrhunderts.

 

Ich vertrete mittlerweile, nach erneuter Quellenrecherche und einigen Fachartikeln auch, wie andere, die sich mit dem Thema noch mal näher beschäftigt haben, die Meinung, dass ein Gambeson unter dem Kettenhemd eine falsche / überholte Annahme ist.

 

Für die angesprochene Zeit sind die Quellen, seien sie nun in Büchern oder an Statuen, ganz überwiegend eben nicht so, dass sie die Meinung, dass unter ein Kettenhemd unbedingt ein Gambeson gehöre, stützen. Vielmehr zeigen die Quellen eher das Gegenteil.  Eventuell eine dickere Tunika aber eben kein stark gepolsterter Gambeson unter der Kette.  Eine der deutlichsten Quellen ist hier, mal wieder, die Maciejowski Bibel die diese Annahme gleich auf mehreren Abbildungen stützt. Wegen ihrer Detailtreue gilt dieses Werk ja nun als eine der Primärquellen was Ausrüstung und Bekleidung angeht. Warum sollte sie also bei der Frage „Was trug der Kämpfer unter dem Kettenhemd“ von dieser Detailtreue abweichen. Auch Statuen lassen, bei dem was sie erkennen lassen, meist auch darauf schließen, dass eben kein Gambeson unter der Kette getragen wurde. Die Quellenlage ist da wirklich deutlich.

 

Aber wie kam es denn dann zu der weitverbreiteten Meinung, dass unter eine Kette ein Gambeson zwingend gehöre? Ich denke dafür kann es mehrere Erklärungen geben.

Die allermeisten Quellen, aus denen sich die These ableitet, dass unter einem Kettenhemd ein Gambeson getragen wurde, sind schriftliche Quellen mittelalterlicher Texte und keine Bildquellen. Allerdings waren im Mittelalter einige Dinge sprachlich nicht immer so sauber definiert, wie wir es heute gerne hätten. So wird etwa ein Wams mal einfach als Bezeichnung für ein Obergewand benutzt in anderen Schriften ist damit aber wohl eher ein leicht gepolstertes Rüstteil gemeint. Solche Beispiele von verschiedenen Bedeutungen für ein Wort gibt es mehrfach. Wenn dann Texte später noch aus einer Sprache in die nächste übersetzt wurden kann das schon wieder zu Fehlinterpretationen führen. Ab dem beginnenden 14. Jahrhundert tauchen wohl verstärkt Hinweise für Gambesone unter Kettenzeug auf. Wurde daher angenommen, dass das daher auch schon in früherer Zeit so üblich war, weil es ja auch dort schon den Gambeson gab? Ja Gambesone gab es  tatsächlich schon früher, aber bildlich belegt eben als eigenständige Rüstungsart. Dann gab es sicherlich ganz normale wissenschaftliche Überlegungen wie etwa „Na ne Kette schützt ja prima gegen Schnitte aber nicht gegen wuchtige Hiebe. Da holt man sich ja Knochenbrüche. Dagegen müssen die sich doch auch geschützt haben.“ Diese Überlegung ist zwar nachvollziehbar, aber eben an Hand von Bildquellen nicht belegbar. Offensichtlich lag wirklich der Hauptgedanke auf einem Schutz, der Schnitte verhindern konnte. Warum? Eventuell weil im Mittelalter Brüche schon recht gut ausgeheilt werden konnten und die größte Gefahr in tiefen Schnittwunden gesehen wurde, die sich, im Falle einer Infektion, zu einer tödlichen Verletzung ausweiten konnten. Und natürlich spielt sicherlich auch das heutige Erscheinungsbild von mittelalterlichen Sportkämpfern eine Rolle (sei es nun das sie nach dem Codex Belli kämpfen oder Huscarl, Vollkontakt und was es da noch so alles gibt). Natürlich macht es heutzutage Sinn einen Gambeson, bei diesen Betätigungen,  unter der Kette zu tragen. Alles andere wäre, wenn man möglichst gesund vom „Schlachtfeld“ abrücken will und nicht im Krankenhaus landen will (auch wenn es "nur" Knochenbrüche sind) wohl eher Leichtsinn. Ich denke all das könnten Gründe sein, warum sich die Meinung "Unter ein Kettenhemd gehörte immer ein gepolsterter Gambi" so verbreitet hat.

 

Warum auch immer lange diese Meinung vorherrschte, die Quellen sprechen deutlich dagegen. Auch die nur sehr wenigen Bildzeugnisse die, für die genannte Zeit, unter dem Kettenhemd getragene, stark gepolsterte, Unterkleidung eventuell erahnen lassen könnten, sind so in der Minderheit und auch nicht eindeutig, dass daraus nicht abgeleitet werden kann, dass ein Gambeson üblicherweise unter ein Kettenhemd gehöre. Eines dieser Bildzeugnisse befindet sich im Musée des Antiquités in Rouen. Aber auch bei dieser Statue ist man sich nicht einig, ob das was unter dem oberen Rand des Kettenhemdes zu sehen ist, eine Polsterung ist oder eher eine auffallende Verzierung des Gewandes.

 

Fazit: Die überwiegenden Abbildungen und Beschreibungen sprechen dagegen, dass üblicherweise ein Gambeson, im behandelten Zeitraum, unter einer Kettenrüstung getragen wurde.

 

Beste Grüße

Eduard

 

Einige Belege:

Hier ist deutlich zu erkennen, dass kein Gambeson unter der Kette abgebildet ist.

 

Quelle:

Maciejowski Bibel Folio 28

 

 

Auch hier ist erkennbar das es sich bei dem Kleidungsstück unter der Kette nicht um einen Gambeson handelt.

 

Quelle:

Maciejowski Bibel Folio 42 

 

 

 

Belegbeispiel an einer Statue (leider ohne frei zugängliches Bildmaterial)

 

- Grabplatte von Landgraf Heinrich in der Elisabethkirche in Marburg;

 

Zwischen den Ärmeln des Kettenhemdes und den zurückgeschlagenen Kettenfäustlinge ist auch dort keine stark gepolsterte Kleidung erkennbar sondern ungepolsterte Ärmel des unter der Rüstung getragenen Kleidungsstückes.